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Presseschau Worb/Rüfenacht und Umgebung

Diese Pressesschau ist unvollständig, unausgewogen und wird sporadisch ergänzt

Mix & Copyright: H.U. Steiner

GFS (Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung + Berner Ereignis 1989

BZ, 8. Dezember 1988

Von Gentechnologie über Brutalos bis zu Grimsel-West

Immer wieder war am zweiten Synodetag von GFS die Rede: dem ökumenischen Bund für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Am Aarehang wurde eine Friedenseiche gepflanzt.

«Spiritualität und politisches Engagement» gehörten zum Christsein, fasste der Vizepräsident der Evangelisch-reformierten Synode seine Erfahrungen in der Arbeit der Schweizerischen Synode (SES) zusammen. Wie er kamen auch andere Synodalen zur Überzeugung, dass die Kirche im Zeichen von GFS keinen Bogen um politische Themen machen sollte.

● Gerechtigkeit: Die Synode unterstützte ein Postulat für einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder. Aus Anlass des 700. Geburtstags der Eidgenossenschaft 1991 soll ein Umschuldungsfonds geschaffen werden. Dies entspreche der biblischen Forderung, Armut dürfe sich nicht verfestigen, erklärte Hans Martin Schär Das Thema Bodenrecht wird weiterbearbeitet: So will es eine Petition.

● Frieden: Der Synodalrat teilt die Bedenken von Peter Ernst (Brienz) zum Vorhaben des Fernsehens, zu den Hauptsendezeiten Brutalos und Pornofilme auszustrahlen. Er will dagegen Protest einlegen: Gegen vereinzelten Gegenstimmen wurde auch ein Postulat, unterstützt, weiterhin auf einen Zivildienst hinzuarbeiten.

● Bewahrung der Schöpfung: Marianne Winterberger, Brienz, forderte den Synodalrat auf, sich zu der . «gewaltigen Umweltzerstörung» zu äussern, die der Bau des Pumpspeicherwerks Grimsel-West zur Folge hätte. Synodalratspräsident Heinz Flügel gab bekannt, dass der Synodalrat demnächst über einen Beitrag von 15'000 Franken für einen Grimsel-Dokumentarfilm entscheiden werde. Der Synodalrat wird den Kirchenbund auffordern, sich mit den Fragen der Gentechnologie auseinanderzusetzen.

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chb

Konferenz in Basel und Berner Sternmarsch

Der ökumenische Bund für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung wurde durch den deutschen Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, den Bruder des früheren Bundespräsidenten und Autor des Buches «Die Zeit drängt», gefördert und vermochte eine Basisbewegung in den Kirchen auszulösen. In Basel wird im Mai eine internationale Konferenz mit Kirchenvertretern, Wissenschaftern und Politikern stattfinden.

Im Kanton Bern soll vor dem Bettag 1989 ein Sternmarsch von lokalen Gruppen beginnen, die untereinander Erfahrungen über ihre Arbeiten austauschen.

Mit einem Fest, einem «Markt der Möglichkeiten für globales Denken und lokales Handeln», soll der Pilgermarsch am Samstag vor Bettag in Bern abgeschlossen werden. Die Kirchgemeinden wurden durch einen Brief des Synodalrates aufgefordert, die GFS-Themen in die Gottesdienste und den Unterricht einzubeziehen.

chb

BZ, 16. Mai 1989

Ökumenische Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» mit 700 Delegierten in Basel eröffnet

Der grösste Anlass seit der Reformation

ap. Mit einem Gottesdienst im Basler Münster ist am Pfingstmontag die Versammlung «Frieden in Gerechtigkeit» eröffnet worden. Bei der von allen christlichen Kirchen Europas getragenen Veranstaltung handelt es sich um das grösste ökumenische Ereignis seit der Reformation.

Die bis zum kommenden Sonntag dauernde Basler Versammlung ist von der Konferenz europäischer Kirchen einberufen worden, der 126 protestantische, orthodoxe und anglikanische Kirchen in 26 Ländern angehören, sowie dem Rat der römisch-katholischen Bischofskonferenzen mit 25 nationalen Bischofskonferenzen. Beide Organisationen haben je 350 Delegierte bestimmt. Neben den offiziellen Delegierten sind auch noch mehrere hundert Gäste und Angehörige in Basel, die an einem breitgefächerten Rahmenprogramm teilnehmen können. Am Eröffnungstag hielten der Erzbischof Kyrill aus Smolensk (UdSSR) und der britische Parlamentarier David Steel Ansprachen zum Thema «Versöhnung in Europa - Erbe und Vision».

Die Versammlung von Basel ist eine Art Vorkonferenz für die im März 1990 im südkoreanischen Seoul stattfindende ökumenische Weltversammlung. Den Anstoss für diese Versammlungen hatte der ökumenische Rat der Kirchen 1983 bei seiner Konferenz in Vancouver gegeben. Den christlichen Kirchen wurde damals die Aufgabe gestellt, eine Antwort der Christen auf die globalen Bedrohungen von Mensch und Natur zu suchen.

Das in einem 33seitigen Entwurf vorliegende Arbeitsdokument unter dem Leitsatz «Frieden und Gerechtigkeit für die ganze Schöpfung» strebt einen möglichst breiten Konsens an. In dem Papier werden zunächst die Bedrohungen formuliert, die von den Verfassern vor allem in den Bereichen Frieden, Gerechtigkeit und Natur geortet werden. Gefordert wird in diesem Kapitel unter anderem eine gerechte Weltwirtschaftsordnung, eine Weltfriedensordnung und eine ökologische Weltordnung. «Der Krieg als solcher muss abgeschafft werden», heisst es in dem Entwurf etwa, und weiter wird auf die Probleme des Treibhauseffektes und die Schädigung der Ozonschicht hingewiesen. Erwähnt sind auch das Flüchtlingselend und die Menschenrechte.

Selbstanklage der Kirchen

In einem ausführlichen zweiten Teil des Arbeitspapiers wird dann eine Art Glaubensbekenntnis abgelegt, das die Grundlagen für die Beantwortung der Fragen stellen soll. In dem Entwurf klagen sich die christlichen Kirchen selbst an, weil sie sich zuwenig um ihre Einheit bemühten und «auch immer wieder Rassismus, Sexismus und Nationalismus rechtfertigen». Der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung müsse deshalb immer auch als Weg der Busse und Umkehr verstanden werden. In dem Entwurf werden ausserdem eine «ernsthafte Auseinandersetzung mit den Anliegen feministischer Theologie und das Ende der Diskriminierung der Frau in Arbeitswelt und Kirchen» gefordert.

Wichtige Kreise stehen abseits

Die Organisatoren hatten im Vorfeld der Versammlung bedauert, dass einige wichtige fundamentalistisch-konservative Gruppierungen innerhalb der Kirche - so etwa die Europäischen Evangelische Allianz - der Veranstaltung fernbleiben. Der Allianz gehören rund zwei Millionen Christen an. Aus diesen Kreisen wird kritisiert, dass das Schlussdokument zu sehr den Menschen statt Gott in den Mittelpunkt stelle und heikle Fragen wie Schwangerschaftsabbruch und die Bedrängnis von Christen in Oststaaten ausklammere.

Schuldenproblem verringern

Bundesrat Stich betonte in seiner Eröffnungsansprache, dass Frieden mehr sein müsse als blosse Waffenruhe. «Es gibt keinen dauerhaften Frieden, solange Menschen ihres Glaubens, ihrer politischen Überzeugung oder ihrer Rassenzugehörigkeit wegen verfolgt werden», sagte er. Frieden gebe es auch dort nicht, wo Menschen in sozialem Elend darbten. Der Mensch könne nur frei sein, wenn er unabhängig von materieller Not und ohne Unterdrückung und Ausbeutung leben dürfe. «Dauerhafter Frieden muss Gerechtigkeit und Freiheit einschliessen», sagte Stich. Als dringlich bezeichnete der Schweizer Finanzminister, dass die internationale Verschuldung der jungen Demokratien in der Dritten Welt verringert werden könne. Die Industrieländer müssten hier mithelfen.

Der Bund, 30. Juni 1989

Kantonale SVP verlangt strikte Trennung zwischen Verkündigung und politischen Stellungnahmen

Die SVP sorgt sich um die Berner Kirche

dw. Nach Ansicht der kantonalen SVP droht der reformierten Landeskirche zunehmend die Gefahr, dass sie ihre Basis verliert. Sie fordert von der Kirchenleitung eine aktivere Führungsarbeit und von den Pfarrern eine strikte Trennung zwischen Verkündigung und eigenen politischen Anschauungen.

Durch verschiedenartige Interpretationen des kirchlichen Auftrags, stellte Grossrat und Theologe Oskar Blaser (Münsingen) an einer Pressekonferenz der SVP-Parteileitung fest, bildeten sich in der reformierten Landeskirche immer deutlicher zwei gegensätzliche Standpunkte heraus: der sozial kritisch orientierte sowie der auf Verkündigung und Seelsorge ausgerichtete Flügel.

«Saemann» und «Kirche wohin?»

Die Positionen der beiden Richtungen markierten die «sehr konservative» Haltung der «Aktion Kirche wohin?» und das Kirchenblatt «Der Saemann». Die Zeitschrift, meistenorts offizielles Kirchenblatt, behandle leider fast ausschliesslich gesellschaftspolitische Fragen auf einem sehr hohen Niveau, was sich «mit dem Denken und Empfinden der Mehrheit in den Kirchgemeinden» nicht mehr decke. Für Parteipräsident Albrecht Rychen fehlt in diesen Flügelkämpfen die «lenkende Hand der Kirchenleitung». Die SVP fordert den Synodalrat konkret auf, vermehrt eine aktive Führungsrolle zu übernehmen und vermittelnd zu wirken.

Mit dem Satz: «Die Bevölkerung spürt die Kirche nicht mehr» umriss Oskar Blaser sein Unbehagen, dass die reformierte Landeskirche weite Teile der Bevölkerung nicht mehr erreiche. Pfarrer und kirchliche Behörden leisteten zwar viel wertvolle Arbeit, doch konzentriere sich die Tätigkeit zu ausschliesslich auf die Alters- und die Jugendarbeit. Die Generationen des mittleren Alters blieben von der pfarramtlichen Arbeit ausgeschlossen, obschon gerade diese Altersschicht sich mit vielen Lebensproblemen konfrontiert sehe (Zwistigkeiten in Ehe und Familie und am Arbeitsplatz). Für Oskar Blaser ist dieses Problem eng mit der Ausbildung der Pfarrer verbunden, die allzu sehr für theologische Fragen, nicht aber für die praktische Arbeit in den Kirchgemeinden ausgebildet würden.

Die SVP verlangt aus diesem Grund neue Zielsetzungen für die Pfarrerausbildung. Auch müssten die Pfarrer sich intensiver den Gemeindegliedern zuwenden, damit die Kirche wieder vermehrt «unterwegs» sei.

Gegen politische Beeinflussung

Entschieden setzt sich die kantonale SVP für ein striktes «Auseinanderhalten von Verkündigung und Vertretung eigener politischer Anschauungen» ein. Für Oskar Blaser steht ausser Zweifel, dass ein Pfarrer in der Kirche aus einer privilegierten Monopolstellung spricht. Er habe sich deshalb auf «das Wort der Bibel als Entscheidungshilfen für unsere Alltagsprobleme» zu beschränken. Wolle ein Pfarrer seine Meinung zu einem tagesaktuellen politischen Thema äussern, so solle und könne er dies als Privatperson machen. In der Kirche jedoch, verdeutlichte Nationalrat Albrecht Rychen, müssten sich Gemeindeglieder aus allen politischen Lagern wohlfühlen. Die Kirche habe sich deshalb jeglicher politischer Beeinflussung zu enthalten. Rychen hält es für untragbar, dass der «Saemann» die Ja-Parole für die Stadt-und-Land-Initiative herausgegeben hat. Aber ebenso verfehlt empfindet er das Bekenntnis des Evangelischen Kirchenbunds zur Armee.

Kritik am «Berner Ereignis»

Für Rychen ist die jüngste kirchliche Aktion im Rahmen der Veranstaltung «Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung» Ausdruck der zunehmenden Vermischung des Verkündigungsauftrags mit politischen Stellungnahmen. Bei den als «Berner Ereignis» deklarierten Anlässen seien fast alle Themen aus den Bereichen Gesellschaft und Umwelt entnommen; der Mensch als Gemeindeglied in seinem persönlichen Problem- und Lebensumfeld werde jedoch nirgends angesprochen. Es sei auch nicht klar, wer die Aktion unterstütze. Klar sei hingegen, dass die Veranstaltungsreihe zu einem Manifest gegen die Armee, verschiedene Militärschiessplätze, umstrittene Autobahnteilstücke, Hochspannungsleitungen usw. werden solle. Für die Veranstaltungen zeichneten nämlich die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, Flüchlings- sowie Ökogruppen mitverantwortlich.

Eindeutig wegen dieses «einseitigen Wirkens», so Oskar Blaser, fehle der ganzen Aktion aber die Unterstützung durch die Bevölkerung. Die SVP will jetzt demnächst mit dem Synodalrat zusammensitzen und von ihm mehr Klarheit über die parakirchlichen Aktivitäten erhalten. Zudem fordert sie, dass sich die Kirche wieder vermehrt auf die Seelsorge, auf die innerkirchliche Zuwendung und auf die Anliegen der tragenden Basisbevölkerung auszurichten habe; dann nämlich würden auch ökumenische und Dritte-Welt-Fragen wieder besser mitgetragen.

BZ, 30. Juni 1989

LANDESKIRCHE

SVP-Offensive soll zu Gesprächen führen

Eine straffere Führung, das Schwergewicht auf Seelsorge und Zuwendung zu den Kirchenmitgliedern, aber keine politischen Reden von der Kanzel: Das fordert die SVP von der Landeskirche.

«Wir stehen voll und ganz zu unserer Landeskirche als Institution», sagte gestern Nationalrat Albrecht Rychen, Präsident der Schweizerischen Volkspartei (SVP) des Kantons Bern zum Auftakt einer Medienorientierung zum Thema «Kirche und Gesellschaft - Kirche und Politik». Die SVP, die in den letzten Monaten die Probleme innerhalb der Landeskirche studiert und analysiert hat, möchte nicht nur kritisieren, sondern in aufbauendem Gespräch «auf Fehlentwicklungen hinweisen».

Polarisierung vermeiden

Wenn am Bettag im Auftrag des Synodalrates von den bernischen Kanzeln unter anderem verbreitet werden solle, «die Schweiz hat für den Frieden Wichtigeres zu tun, als die Verteidigung vorzubereiten», sei dies eine einseitige Aussage zur Abstimmung vom 26. November (über die Initiative zur Abschaffung der Armee). Oder, wenn der Evangelische Kirchenbund die Meinung vertrete, diese Initiative sei abzulehnen, sei auch dies eine Aussage zu tagespolitischen Fragen, welche die Kirche vermeiden sollte.

Der SVP-Präsident konkretisiert damit, was im Forderungskatalog seiner Partei nun an die Landeskirche geht (vgl. nebenstehendes Interview mit Kasten).

Grossrat Oskar Blaser, Theologe und Direktor der Asyle Gottesgnad im Oberland, hat bei seinen Untersuchungen und Gesprächen eine Polarisierung innerhalb der Kirche festgestellt. Er hat dabei einen sozial kritisch orientierten Flügel ausgemacht und eine zweite Strömung, die eher auf «kirchliche Frömmigkeit» (auf Verkündung und Seelsorge) ausgerichtet ist. In den Flügelkämpfen zwischen Traditionsgebundenheit und kritisch-sozialer Aufgeschlossenheit, aber auch innerkirchlich «fehlt die lenkende Hand», hat Blaser festgestellt.

Die SVP befürchtet weiter, dass die Kirche ihre Basis verlieren könnte, wenn sich die pfarramtliche Tätigkeit zu stark auf die Alters- und Jugendarbeit konzentriere. «Die Generationen des mittleren Alters werden teils überhaupt nicht mehr erreicht,» behauptet Oskar Blaser. Damit aber bleibe ein wichtiger Teil der Basisbevölkerung der Landeskirche fern.

Einen Grund sieht die SVP bei der Ausbildung der Pfarrer. Das Schwergewicht liege «auf der theologischen Ebene». Viele Pfarrer interessierten sich kaum für die praktische Arbeit in der Gemeinde. Einen zweiten Grund macht sie bei der (oben angetönten) «politischen Kirche» aus. «Die Kirche darf sich von der Bibel her zu allen politischen Fragen äussern», heisst es im Bericht. Hingegen dürfe der Pfarrer seine privilegierte Stellung nicht missbrauchen.

Synodalrat gesprächsbereit

In einer ersten Stellungnahme signalisierte Synodalratspräsident Heinz Flügel ebenfalls Gesprächsbereitschaft. Gegenüber der BZ konnte er zu den SVP-Forderungen aber nicht Stellung nehmen, weil diese der Kirchenführung noch nicht bekannt seien. «Ich bin vom Parteisekretär lediglich telefonisch informiert worden. »

usch

ALBRECHT RYCHEN

«Keine Polit-Parolen»

Der SVP-Präsident will den Pfarrern keinen Maulkorb umhängen. Die Trennung von Kirche und Staat ist gegenwärtig kein Thema.

Berner Zeitung: Herr Rychen, machen Sie die Kirche bewusst vor den Wahlen vom April 1990 zum politischen Thema?

Albrecht Rychen: Nein, so möchte ich es nicht ausdrücken. Aber es ist klar: Wenn eine politische Partei ein Thema aufgreift, egal wann, kann man es immer als Wahlthema interpretieren. Uns ist aber das Thema zu ernst, um es einfach so abqualifizieren zu können.

BZ: Was bezwecken Sie mit ihren Forderungen?

Rychen: Wir wollen vor allem einen Denkprozess auslösen, mit aufbauender Kritik an die Probleme herangehen, auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen, in der Sorge um die Einheit der Kirche.

BZ: Mündet Ihre Kritik in einen Maulkorb für bernische Pfarrer?

Rychen: Die Predigt, die sich zu tagespolitischen Ereignissen äussert, oder kirchliche Institutionen und Gremien, die sich zu Parolen im tagespolitischen Bereich hinreissen lassen, sehen wir nicht gerne - seien sie links oder rechts, schwarz oder rot. Wir möchten aber den Pfarrern keinen Maulkorb umbinden. Der Pfarrer kann seine politische Meinung durchaus vertreten, aber nicht in Ausübung seines Amtes oder im Namen der Institution. Die Verkündung des Wortes Gottes gibt dem Bürger genügend Hilfestellung für seine persönlichen und politischen Entscheide. Kirche und Pfarrer haben keine politischen Parolen zu vertreten.

BZ: Bringt die SVP das Thema Trennung von Kirche und Staat nun wieder auf den Tisch?

Rychen: Die Trennung von Kirche und Staat steht für uns gegenwärtig nicht zur Diskussion. Uns ist die Kirche ein Anliegen. Eine Kirche allerdings, die für alle da ist und die nicht einzelnen erlaubt, ihre politischen Ziele im Forum Kirche akzentuiert zu vertreten. Wir suchen den Dialog mit der Kirche. Und solange die Kirche vom Staat nicht getrennt ist, sind wir als politische Partei, insbesondere als Volkspartei, verpflichtet, uns mit der Entwicklung in der Kirche zu befassen.

BZ: Sollte Ihre Dialogbereitschaft nicht zum anvisierten Ziel führen, können Sie sich vorstellen, dass das Thema Trennung Kirche/Staat wieder aktuell wird?

Rychen: Im Moment ist die Trennung für uns kein Thema.

Interview: Ueli Scheidegger


Die SVP-Forderungen

In ihrem Grundsatzpapier «Kirche und Gesellschaft - Kirche und Politik» fordert die SVP

  • intensivere «Zuwendung zu den Gemeindegliedern» als entscheidende Basisarbeit,

  • gezieltere Ausbildung der Pfarrer für die praktische Gemeindearbeit,

  • saubere Trennung zwischen Verkündung der biblischen Botschaft und Propagierung persönlicher Meinungen zu politischen Fragen,

  • kirchliche Aktionsprogramme, die vermehrt auf die Seelsorge, innerkirchliche Zuwendung und Anliegen der tragenden Bevölkerung ausgerichtet sind,

  • eine kirchliche Führung, welche auf die aktive Gestaltung des Kirchenlebens abzielt,

  • mehr Klarheit über die von der Kirche unterstützten und geförderten Aktivitäten.

usch

BZ, 8. September 1989

BERNER EREIGNIS

Zum Bettag ein besinnliches Fest und ein Manifest

Im Kanton Bern haben sich kirchliche Kreise und ökologisch engagierte Gruppen für das Berner Ereignis zusammengefunden. Veranstaltungen im ganzen Kanton gipfeln in einem Fest am Samstag vor Bettag auf dem Berner Bundesplatz.

Die weltumspannende Kirchenbewegung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (GFS) wird im Kanton Bern sozusagen auf den Boden heruntergeholt. Einen kleinen Bern-Bezug hat die GFS-Bewegung auch durch ihren wohl prominentesten Befürworter, den Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker, der während einiger Jahre an der Berner Universität lehrte.

Vancouver (1983), Basel (im Frühjahr 1989) und Soeul (1990) sind Stationen, wo Kirchenvertreter aus aller Welt sich des Themas angenommen haben und noch werden. «Internationale Konferenzen bringen wenig, wenn die Bewegung nicht in die Basis getragen wird», meinte gestern Andreas Borter. Genau das wird in den kommenden Tagen bis zum Bettag mit verschiedensten Veranstaltungen im ganzen Kanton versucht: mit dem Berner Ereignis.

Einmalig

Einmalig an der Bewegung im Kanton Bern ist, dass sie von der Kirchenbasis, aus verschiedensten lokalen Gruppen heraus gewachsen ist und von allen drei Landeskirchen und von Freikirchen unterstützt wird. Von Anfang an hatten die Organisatoren die Unterstützung der Kirchenleitungen. Die Evangelisch-reformierte Kirche sprach 60'000 Franken und eine Defizitgarantie, die Römisch-katholische Kirche 30'000 Franken und die Christkatholischen 2000 Franken. Bewusst wurde von den Initianten auch die Zusammenarbeit mit ökologisch ausgerichteten, nichtkirchlichen Kreisen gesucht und gefunden. Zusammen mit dem Ökozentrum Bern wird die Abschlusswoche vor Bettag in Bern organisiert.

«Wir sind mit unserem Konzept ein wenig zwischen Stuhl und Bank geraten», gestand Mitkoordinator Andreas Borter an der Pressekonferenz von gestern Donnerstag. Den einen war das Ganze zu wenig theologisch begründet, zu stark auf umweltpolitische Themen ausgerichtet, den andern hatte es schon einen zu stark kirchlichen Anstrich.

Das Manifest

Zum Schluss der Ereignis-Woche in Bern wird am Samstag vor Bettag das Berner Manifest auf dem Bundesplatz verabschiedet. Die Erklärung soll nach Eva Koschorke ein «Wort sein, das bleibt und weiter wirkt», aber kein Aktionsprogramm und auch kein Glaubensbekenntnis. Das Manifest wurde in eine Vernehmlassung gegeben und in einer Vollversammlung bereinigt. Gefeilt wurde an Details, zum Beispiel im folgenden Satz das Wort «wichtigeres» durch «anderes» ersetzt: «Wir setzen uns ein für eine Schweiz, die für den Frieden mehr und anderes tut, als sich für den Verteidigungsfall vorzubereiten.» Ein Satz, zu dem Synodalratspräsident Heinz Flügel voll stehen kann, wie er an einem früheren Pressegespräch erklärt hat. Das Manifest ist denn auch durch den reformierten Synodalrat unverändert in seine Bettagsbotschaft eingebaut worden, die am 17. September in allen Kirchen vorgelesen werden soll.

chb

Friedenswege, Ateliers, Filmzyklus und Fest

Schon seit Ende August haben in verschiedenen Orten im Kanton Bern Veranstaltungen im Zeichen des Berner Ereignis' stattgefunden: zum Beispiel eine Bergpredigt in Guttannen oder ein vom Grimselverein organisierter Gesprächsabend, ein ökumenischer Gottesdienst mit der Pflanzung einer Linde in Seedorf.

Am Sonntag, 10. September, 17.00 Uhr, wird mit einem festlichen Gottesdienst mit Gemeinderätin Joy Matter in der Heiliggeistkirche die Ereignis-Woche in der Stadt Bern eröffnet. Filme, Vorträge, Konzerte, Theater zu GFS-Themen werden geboten.

Am Samstag wird zum aktiven Mitmachen in Ateliers oder am Schlussfest auf dem Bärenplatz eingeladen. Zum Feindbilder abbauen bieten sich zwei Ateliers besonders an: jenes der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee und das andere des Divisionärs Rolf Siegrist.

chb

Der Bund, 11. September 1989

«Die Schöpfung lauschend erleben»: Zum «Berner Ereignis» gehörte auch eine nächtliche Wanderung durchs Emmental, an welcher auch ein «Bund»-Team dabei war

Nachts, wenn die Bäume in ein besonderes Licht kommen

Text: Bernhard Wenger Bild: Hansueli Trachsel

Ohne Umschweife lässt sich das Thema der Wanderung von Walkringen nach Oberburg nicht beschreiben. Die zur Orientierung dienenden Programmangaben würden vorerst wohl kaum verstanden.

Vielleicht trägt der kurz vorher einsetzende Platzregen dazu bei; wahrscheinlich jedoch ist es das vordergründig Unspektakuläre: Die Gruppe der Mitreisenden ist sehr klein. Im Regionalzug von Burgdorf nach Walkringen diskutieren die meisten der 15 Teilnehmer mit dem offenbar gut bekannten Kondukteur, der trotz Automatisierung nach alter Manier bei jeder Haltestelle die Billette der Neueingestiegenen kontrolliert.

In Walkringen steht Pfarrer Hänni am Bahnhof. Er überreicht symbolische Geschenke aus umliegenden Höfen: Die Zwiebel, die Kartoffel, das Hufeisen, der Stein und das Leintuch verschwinden in den Rucksäcken. Der Aufstieg zur Menziwilegg kann beginnen. Noch genügt das Dämmerlicht, um am stotzigen Hoger dem die Kühe heimtreibenden Bauernbub nachzusehen.

Weil der Weg so steil ist, verstummen die meisten Gespräche bald einmal. Und doch scheint es, als ob die einführenden Worte des Leiters noch nicht so recht ankommen würden. Der Alltag ist wahrscheinlich noch zu nahe, die bilderbuchhafte Umgebung lenkt ab. Der Burgdorfer Sekundarlehrer Paul Rudolf spricht nämlich vom Baum. Nicht vom kranken, sondern vom symbolischen Baum, der zu Meditationen verleitet.

Der erste Halt bereits in einer Höhenlage, die einen Überblick erlaubt. Kommentare werden laut: Das Emmental sei immer noch ein Hit, meinen die Jungen; hier sei man zuhause, finden die Älteren. Am Rand des schmalen Pfades hocken zwei Feuersalamander. Der Regen hört allmählich auf. Wegen des abdeckenden Himmels erscheinen die Konturen der Hügel wiederum deutlich. Rudolf spricht unter einer Linde von den Blättern, die im Herbst abfallen, damit der Baum überleben kann. Jetzt wird er schon besser verstanden.

Die einzelnen Gruppen lösen sich auf und ermöglichen Gespräche mit bisher Unbekannten. Man sei wieder einmal unter sich, wird bedauernd festgestellt. Gemeint sind die verschiedenen Mitglieder des World Wildlife Found (WWF), die dem Aufruf der organisierenden Regionalgruppe Burgdorf-Emmental gefolgt sind. Lediglich zwei Frauen verneinen diese Feststellung. Sie haben vom «Berner Ereignis» gelesen und sind gekommen.

Anstelle von Taschenlampen helfen Lampions den nun vollständig dunklen Weg erleuchten. Rudolf benutzt die Pausen, um unter einem Baum wiederum über Bäume zu sprechen: Ein Gedicht von Hermann Hesse, dann Betrachtungen über Wurzeln, Stamm, Rinde und Früchte. Die Teilnehmer beginnen zu begreifen, warum er die Nacht für diese Wanderung gewählt hat.

Ab und zu führt die Route an der Zivilisation vorbei. Oben auf der Menziwilegg feiert eine Hochzeitsgesellschaft. Am Himmel kreist das Licht der «Diamant»-Scheinwerfer. Ein Bauer führt noch Gras ein. Wiederum handeln die Gespräche vom Zweck dieser Veranstaltungen. Nicht kritisierend. Wer hier mitmacht - auch sehr junge Leute - hat den Sinn schon eingesehen.

Es gäbe noch viel zu erzählen über diese Nacht. Doch die zirpenden Grillen, die sprudelnden Quellen und alle die nachdenklichen Worte scheinen beim Tageslicht und im Alltag plötzlich kitschig und unglaubwürdig. Warum eigentlich?

Das Motto der Nachtwanderung soll deshalb noch erwähnt werden. Es lautete: «Die Schöpfung lauschend erleben.»

Der Bund, 18. September 1989

Die Berner Umwelttage '89 und das Berner Ereignis endeten mit zwei Symposien, einem «Markt der Möglichkeiten», drei Dutzend Ateliers und zwei Festabenden

Buntes schillerndes Ereignis zwischen Himmel und Erde

atb. Das Berner Ereignis hat stattgefunden. War es wirklich das Berner Ereignis oder bloss ein Anlass wie irgendein Volksfest? Der Schriftsteller Ernst Eggimann sagte sinngemäss: Der Regenbogen ereignet sich erst im Zusammenspiel von Sonne, Regen und menschlichem Auge. Das lässt sich aufs Berner Ereignis übertragen.

Text: Andreas Tunger-Zanetti, Katharina Schindler

Seit zwei Jahren waren die Vordenkerinnen und Vordenker am Werk, Leute aus dem Ökumenischen Friedensnetz des Kantons Bern, die fanden: Was weltweit in den Kirchen und Konferenzsälen als «Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» verhandelt wird, das muss bei uns, auch über die Kirchengrenzen hinaus, Gestalt annehmen, wenn es kein hohles Wort bleiben soll.

Die Vordenker fanden Mitdenker und Mittäterinnen unter Gemeindegliedern, Wissenschaftern, Kirchenfunktionären, Ökofreaks, Armeegegnern und -befürwortern, Flüchtlingen und Politikern. So kam es, dass sich in den letzten drei Wochen im ganzen Kanton Menschen auf den Weg machten: zum Beisammensein mit Behinderten, zur Nachtwanderung auf den Abschnitt Ligerz des alten Pilgerwegs, zu Besichtigungen, Diskussionen, Gebetsnächten.

Letzte Woche wurden insbesondere in der Stadt Bern eine Fülle von Veranstaltungen angeboten, dreifach reichhaltig, weil zugleich mit der Schlusswoche des Berner Ereignisses die Umwelttage '89 und ein Filmzyklus stattfanden. Sichtbarer Ausdruck dieser Zusammenarbeit war das Programmheft, gemeinsam herausgegeben vom Ökozentrum Bern und den Ereignis-Koordinatoren, und das von beiden Seiten getragene Schlussfest auf dem Bundesplatz.

Schon weniger sichtbar waren die 41 am Samstag vormittag angebotenen Ateliers. Einige kamen mangels Interessenten nicht zustande, andere meldeten bis über vierzig Teilnehmer, die Geschichten erfanden, tanzten, sich über Gentechnologie informierten, über Armut oder Gewaltfreiheit diskutierten oder im Keller «zum Goldenen Kalb» anhand von kurzen Sinnsprüchen über das Geld meditierten. Doch das alles war nur der äussere Rahmen. Was ereignete sich?

Sprachschwierigkeiten

Ein gewohntes Ereignis: Die einen sprechen von «Umwelt», die andern von «Schöpfung». Das Zusammenwirken von Gruppen inner- und ausserhalb der Kirche war nicht einfach. Wolf Saxenhofer etwa, teilzeitlich als Koordinator angestellt, berichtet von «Reibungen, Angst, von der andern Seite vereinnahmt zu werden, oder auch einfach Berührungsängsten». Doch es gab auch das Berner Ereignis: Beide Seiten lernten, dass sie vom gleichen betroffen sind und vom gleichen reden müssen.

Doch auch dies: Am Samstagmorgen im Hospiz zur Heimat auf dem Podium fanden Politikerinnen und Politiker, die sich kennen, bis zuletzt nicht die gemeinsame Ebene, obwohl sie dieselben Begriffe verwendeten.

Liebe zum Abfall

Ein gewohntes Ereignis: Ein Fest auf dem Bundesplatz hinterlässt Abfall. Da es auch am vergangenen Samstag nicht anders war, könnte es wie ein Naturgesetz scheinen. Es sind jedoch die Vorschriften des Lebensmittelinspektorats, welche die Organisatoren vor die Wahl stellten, «entweder eine fahrbare Abwaschanlage mit fliessendem Warm- und Kaltwasser» einzurichten (sie fanden keine) oder einige tausend Gläser, Teller und Gabeln zu mieten und zu einer Abwaschstelle zu fahren - oder eben Wegwerfbecher zu verwenden. Mit diesen Erklärungen gab das Festkomitee den Bauchschmerzen Ausdruck, die ihm die Abfallfrage verursachte. Das Berner Ereignis: Immerhin einige Festteilnehmer hatten den Aufruf im Programmheft befolgt und ihr eigenes Geschirr mitgebracht, zum Beispiel jene erfahrene Friedensstreiterin, die ihren Alubecher am Riemen ihrer Handtasche angebunden hatte.

Zahlen und himmlische Farben

Ein gewohntes Ereignis: Organisatoren teilen Zahlen mit. Weit über 200 bunte Büschel von Stoffbändeln, hergestellt von gefangenen Frauen in Hindelbank, wurden allein am Freitag abend als Eintritt zum Begegnungsfest und zum Konzert der afrikanischen Gruppe Wountey verkauft. Rund 300 Friedenstücher schmückten dazu den Saal des Hotels National und wurden am Samstag als langes Band auf den Bundesplatz getragen; Tücher aus den USA, aus Sudan und Sri Lanka wurden dazwischengeknüpft, Berner Tücher werden andernorts in der Welt Verbundenheit demonstrieren. Etwa 10'000 Mal wurde das «Berner Manifest 1989» (ganzer Wortlaut im «Bund» vom 8. September) auf der Koordinationsstelle verlangt. Das Berner Ereignis: Als gerade am meisten vom Regenbogen die Rede war, während Ernst Eggimanns Ansprache zu dieser bunten, zarten und vergänglichen Erscheinung, und als das Atelier etcetera sein Projekt «Siebenschön», einen «Farbklang» in zweimal sieben Tüchern in den Farben des Regenbogens über dem Platz ausgespannt hatte, da entdeckten Zuhörerinnen und Zuhörer am Himmel einen wirklichen Bogen - wie bestellt, doch letztlich unverfügbares Geschenk.

Einfälle

Ein gewohntes Ereignis: Obwohl allen Gruppen, die am «Markt der Möglichkeiten» teilnehmen wollten, zur Auflage gemacht worden war, sich kreativ und phantasievoll vorzustellen, sahen (zu) viele der rund 50 Stände (zu) einfallslos aus: Flugblätter und Broschüren zum Lesen, Solarradios und Handarbeiten zum Kaufen. Das Berner Ereignis (für Kinder): Eine Woche lang mithelfen, eine Arche zu bauen, etwas weniger wasserdicht als Noahs Schiff, aber dafür vom Elektroherd bis zum Staubsaugerschlauch mit allerhand Gerümpel bestückt. Oder die biblische Sintflutgeschichte, von einer Klasse der Neuen Mittelschule pantomimisch dargestellt. Oder die Steinmühle, die einer aus dem Historischen Museum geholt hatte, damit am nepalesischen Teestand jeder einmal sein Korn mahlen konnte.

Aufbruch

Das Berner Ereignis hat stattgefunden, zwischen Himmel und Erde wie der Regenbogen. Mancher Zwang altbekannter Missstände und Denkmuster blieb bestehen, mancher Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung wurde erkannt, manch hoffnungsvolles Zeichen wurde gesetzt. Angelockt durch Farben und Musik, mischten sich am Samstag abend auch viele Passanten und Stadtbummler unter die Insider. Das «Berner Manifest 1989» wurde darüber hinaus in vielen Bettagsgottesdiensten bekanntgemacht.

Ein gewohntes Ereignis: Um 8.40 Uhr am Morgen des immer noch nicht autofreien Eidgenössischen Dank-, Bussund Bettags wurde in Bern auf der Bethlehemstrasse eine rotbraune Katze von einem stadteinwärts fahrenden Auto überfahren. Das Berner Ereignis: Am Bettag 1989 schlugen im Kanton Bern einige hundert Menschen zuhause einen Nagel ein, der ihnen tags zuvor auf dem Bundesplatz verteilt worden war. Damit verpflichten sie sich zu weiterem Engagement und konkretem Handeln.

BZ, 18. September 1989

Berner Ereignis

Ein Fest für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung

Das «Berner Ereignis» und die «Umwelttage 89» sind am Samstag mit einem Fest und der Verabschiedung eines gemeinsamen Manifestes zu Ende gegangen. Schon während der vergangenen Woche präsentierte sich das Programm vollgepackt, doch am Schlusstag war die Fülle der Aktivitäten beinahe unüberschaubar.

Es ist wirklich ein Ereignis, wenn sich so viele ökologische und nichtkirchliche Organisationen und die Berner Kirchen im besten Sinne zusammenraufen können, um gemeinsam eine Woche zum grossen Thema «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung» zu gestalten. Die Organisatoren schätzten die Gesamtzahl der Teilnehmenden am Samstag auf rund 4500.

Während sich die «Umwelttage» am Samstag vor allem auf ihr Symposium und den Kongress der Frauen konzentrieren, bieten die Partner rund vierzig Workshops und Ateliers an. Bei einigen stehen Erfahrungsberichte im Vordergrund, während andere mehr informativen Charakter haben.

Zwischen den Tagungsorten irren Leute herum, die sich der Qual der Wahl noch nicht entledigt haben. «Der Tanz ums goldene Kalb» oder ein Frauen- oder ein Militärthema? Oder doch lieber Dritte Welt und Flüchtlingsproblematik? Die Bewegten und Engagierten befinden sich im Dilemma.

Über ihr politisches Selbstverständnis reden in einem überfüllten Saal Berner Politikerinnen und Politiker. Die nicht wiedergewählte Ex-Gemeinderätin und SP-Nationalrätin Gret Haller meint dazu: «Es gibt viele Fragen, in denen ich unsicher bin und meine Verletzlichkeit auch zugebe. Aber das ist etwas, das nicht verziehen wird.» Andererseits gebe es Situationen, in denen sie sich in ihrer Haltung sicher fühle, das habe etwas mit den Grundwerten zu tun.

SVP-Nationalrätin Elisabeth Zölch bezeichnet ihr Politisieren als ständiges Suchen: «Es ist ein schmerzhafter Prozess, zumal es schwer ist, die Leute zu spüren, die einem in das Amt geschickt haben.» Hinter ihr stehe keine Verbandslobby oder Organisation, aber das fehlende «Nest» bedeute auch eine Chance zur Unabhängigkeit.

Der ehemalige FDP-Grossrat und Synodalrat Alfred Rentsch baut auf die Demokratie mit Mehrheitsentscheiden. «Erziehung und Umgebung prägen das Bild mit, wie die Welt aussehen sollte.» Er stützt das Prinzip, dass man bei Entscheiden «abmehren» lassen soll. «Aber man soll sich auch immer fragen, wem gegenüber man die Verantwortung trägt. Die muss man höheren Werten als finanziellen Interessen unterstellen. »

Der Freie-Liste-Grossrat Theo Brüggemann schliesslich betont, dass er auch in der Politik schon Toleranz erlebt habe, was die Zuschauer zum Lachen bringt. «Ich kam sehr spät in den Laden Politik, weil ich spürte, wenn es ums Ganze geht, muss ich auch meine Haut zu Markte tragen.» Er habe das Schweigen nicht mehr ausgehalten, sonst wäre er krank geworden. «Aber eine Kompromiss-Politik würde mich noch kränker machen», fügte Brüggemann bei.

Um 70 Stände tummeln sich am Nachmittag die Menschen, darunter auch eine Gruppe aus Wynigen, die die Berner Eindrücke am Bettagsgottesdienst weitergeben wollen. Das Grüne Spektrum, Kirchen und politische Organisationen teilen sich in den Bundesplatz, der von bunten Tüchern umflattert wird. Neben der Apartheid-Gruppe ist zu lesen: «Der Arvenwald darf nicht sterben.» Die Konfirmations-Gruppe Bethlehem hat für amnesty international einen Flohmarkt zusammengetragen, mit Büchern wie «Rezepte aus meiner Fernsehküche» oder «Gott ist krank - sein Sohn hört Punk». Bunte Akzente setzen neben den Stoffbahnen die fröhlichen «Tsetsekaasom» aus Ghana, die die Berner «trümmlig» trommeln und tanzen.

Nach dem Eintreffen des Umzugs mit den Arche-Kindern wird das gemeinsame Manifest verabschiedet. «Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung: Wir sind gerufen zu wählen zwischen Leben und Tod. Wir wollen uns mit dem Leben verbünden. Wir wollen miteinander umkehren im Vertrauen auf die Liebe Gottes, der auf der Seite des Lebens steht», ist das Schlusszitat des Manifestes, das vom evangelisch-reformierten Synodalrat als Bettagsbotschaft bestimmt wurde.

Rosmarie Giustarini-Borle

Der Bund, 21. September 1989

Leserbriefe

Reaktionen zum Berner Manifest und zu den Berner Umwelttagen '89: Stellungnahme, Hinweis

«Ideologische Stilübung»

Aus dem Wortlaut des Berner Manifests ergibt sich folgender Gedankengang: Voraussetzung für Gerechtigkeit sind soziale Wohlfahrt, Selbstbestimmungsrecht in Freiheit und Achtung der Persönlichkeit als Gottes Ebenbild. So weit, so gut. Aber schon folgt der erste gedankliche Purzelbaum. Es gebe diese Gerechtigkeit nicht, «weil die Güter der Erde und die Lebenschancen so ungleich verteilt sind».

Lese ich richtig? Korrekt und umfassend formulierte Bedingungen für Gerechtigkeit, völlig einseitige Schlussfolgerung. Man wird stutzig und liest weiter. Als Voraussetzung für Frieden werden erwähnt: keine politische, wirtschaftliche und ideologische (!) Gewalt zwischen Menschen und Völkern, nicht Leid und Tod anderer auf Kosten von Eigeninteresse. Das ist wahr und gut gesagt, nichts ist beizufügen.

Bloss: Wo bleibt diesmal das «weil», wo bleibt die Begründung, warum nicht Frieden in der Welt sei?

Verschämt unterschlagen! Kein Wort über die real existierenden, mörderischen Ideologien, in deren Namen Länder zu Konzentrationslagern gemacht wurden und werden. Nationalsozialismus, Gulag, China - ausgeblendet. Selbst wenn dadurch die gedankliche Gliederung des Manifests geopfert werden muss.

Aha, nun folgt doch noch ein zweiter Purzelbaum, verpackt in die treuherzige Aufforderung: «Wir wollen nicht mehr vom Frieden reden, ohne daran zu denken, dass es keinen Frieden gibt ohne Gerechtigkeit.» Zusammen mit der vorstehenden, mehrfach amputierten Definition der Gerechtigkeit ergibt sich: Es gibt keinen Frieden, weil nicht alle auf der Welt gleichviel besitzen und nicht die gleichen Chancen haben . . .

Und das Böse in mir und dir? Und mein Egoismus, unser aller Bedürfnis nach Macht und Besitz? Der unter den Übeln dieser Welt leidende Mensch wird im Berner Manifest reduziert auf das Produkt aus den Gegensatzpaaren Reiche/ Arme, Ausbeuter/Ausgebeutete - wie gehabt. Daher betrachte ich das Berner Manifest 1989 als blosse ideologische Stilübung.

Walter Raaflaub, Sempach

 


Der Bund, 28. September 1989

«Berner Manifest» der Kirche

Zu einfache Thesen

In den bernischen, reformierten Kirchen ist am Bettag das «Berner Manifest» verlesen worden. Nicht alle Predigtbesucher, die den Bettag mit der Gemeinde begehen wollten, haben dessen Verlesung als Bereicherung des Gottesdienstes empfunden. Der Text ist zu umfangreich, der Inhalt zu verklausuliert. Sodann hat das synodalrätliche Vorhaben durch den samstäglichen Vorspann auf dem Bundesplatz in Bern gelitten, nachdem sich dort eine Gruppe Armeeabschaffer zur Lärmunterstützung eingefunden hat. Damit ist signalisiert, wo unser Dienst aufhört, wo wir nicht mitmachen können. Das «Manifest» gibt seine Macher preis. Es verheimlicht trotz reichlich viel theologischem Brimborium nicht, dass grüner Linkskurs die Bettagskirche füllen soll. Für ein verständliches, klares Christusbekenntnis hingegen mochte sich keine Ratsmehrheit durchsetzen. Das gibt zu denken.

Nach dem «Manifest» - nicht nur zwischen den Zeilen - ist das doch so: Alle Übel dieser (westlichen) Welt können dann zu beheben sein, wenn wir noch mehr entwicklungshelfern, rotgrün werden, velofahren und ein bisschen Armee abschaffen. So einfach will das «Berner Ereignis», vom Synodalrat telquel weitergereicht, die «Wende» herbeireden. Enthalten die Thesen nicht Hinweise auf Selbstgerechtigkeit und Unglauben? Unglauben z. B. dort, wo gesagt wird, dass wir das Leben selber bestimmen, dass wir das eigene und das Leben unserer Kinder bewahren können? Wo wir doch wissen dürfen, dass unser Leben in Gottes Hand bleibt? Dem Kirchgänger wird keine Sicherheit in Christus gemehrt, wo Gerechtigkeit angezweifelt und mit dem Zerfall der Welt gedroht wird.

Ed. Baumgartner, Stettlen

Der Bund, 16. November 1989

Treffen Synodalrat - Grosser Rat - Regierungsrat: Politische und kirchliche Behörden im Gespräch

«Die Kirche kann nicht apolitisch sein»

mhj. Weder Kirche und Politik noch Kirche und Staat brauchten Gegensatzpaare zu sein, sagte Synodalratspräsident Heinz Flügel gestern im Verlauf eines Treffens der kirchlichen und der politischen Behörden des Kantons Bern. Die vermeintlichen Gegensätze seien vielmehr Teile einer Ganzheit - unserer Welt.

Im Anschluss an die Grossratssitzung erörterten gestern abend Mitglieder des Kantonsparlaments, des Regierungsrats und des Synodalrats der Evangelisch-reformierten Landeskirche Grundsatzprobleme.

Während der Synodalrat in corpore (und in Begleitung des Synodepräsidenten) erschien, nahmen seitens der politischen Behörden (einschliesslich von Grossratspräsident Otto Krebs und Vizepräsident Thomas Rychen) nur gerade 35 von ursprünglich rund 80 angemeldeten Grossrätinnen und Grossräten (1 DA/4 EVP/4 FDP/4 FL/1 LdU/ 1 NA/12 SVP/8 SP) sowie die Regierungsräte Peter Siegenthaler, Kurt Meyer und Gotthelf Bürki teil.

«Jedes Handeln ist politisch»

In einem einleitenden Referat machte sich Synodalratspräsident Heinz Flügel Gedanken zum Themenbereich «Kirche und Politik». Er stellte klar, dass jedes Handeln eines Menschen in einem Staat politisch sei, auch jenes in der Kirche als einer Gemeinschaft von Christen. Weil die Menschen im Kanton Bern (mit wenigen Ausnahmen) zugleich Staatsbürgerinnen und -bürger als auch Mitglieder einer Landeskirche (bzw. Angehörige von Freikirchen oder Glaubensgemeinschaften) seien, sei ihr bürgerliches Handeln zwangsläufig von ihrer religiösen Überzeugung geprägt, und ihre religiöse Überzeugung müsse sich im Staat bewähren.

Kirche könne angesichts dieses Sachverhalts nicht apolitisch sein erklärte Pfr. Flügel. Glaube könne sich nämlich nicht einfach auf das private Leben beschränken, und ethisches Handeln - aus dem Glauben heraus - lasse sich nicht aus der Politik verbannen. Allerdings, betonte Heinz Flügel, dürfe kirchliches Engagement in politischen Fragen nicht mit Parteipolitik (z. B. Unterstützung einer Parteiparole) oder mit «politischer Predigt» gleichgesetzt werden: Kirchliche Stellungnahmen seien vielmehr als Entscheidungshilfen zu verstehen.

Wer ist Kirchensprachrohr?

Es sei im übrigen klar, dass kein Pfarrer und keine Pfarrerin im Namen der Kirche auftreten könne, stellte Synodalratspräsident Flügel fest. Pfarrer(innen) sprächen grundsätzlich immer in ihrem eigenen Namen, als Bürger und Bürgerinnen dieses Staates. Im Namen der Kirche zu reden sei gemäss Kirchenverfassung, Kirchengesetz und Kirchenordnung ausschliesslich Sache der Synode (Parlament). Und dem Synodalrat, der Exekutive, stehe das Recht zu, die Kirche im Rahmen der von der Synode gefassten Beschlüsse zu vertreten.

Darauf kam Pfr. Flügel auf die historisch bedingte Partnerschaft zwischen der bernischen Kirche und dem Staat Bern zu sprechen. Er erinnerte daran, dass die Kirche vom Staat in Sachfragen zu Stellungnahmen aufgefordert werde und gemäss Verfassung das Recht und die Pflicht habe, sich an den staatlichen Entscheidungsprozessen zu beteiligen. Weil die Kirche aber gleichsam die Vision einer neuen Welt habe (Stichworte: Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit, Barmherzigkeit usw), müsse sie in gewissen Bereichen eine Anwaltsfunktion für Benachteiligte und für die Schöpfung wahrnehmen: «Die Kirche soll für die berechtigten Ansprüche derer einstehen die am Rand stehen. Sie muss auch der Forderung nach Akzeptanz durch eine Mehrheit widerstehen können.» Die reformierte Berner Kirche, sagte Heinz Flügel, wolle im übrigen eine offene Kirche sein, eine Volkskirche, und damit weder einseitig, noch engstirnig, noch sektiererisch. Die reformierte Berner Kirche nehme damit in Kauf, dass sich innerhalb der Kirche Konfliktmöglichkeiten ergäben und dass sie kein homogenes Bild biete.

Die Probleme der Politiker

Im Anschluss an ein Referat von Synodal- und Grossrätin Helen Meyer - sie stellte das gesamtkirchliche Amt für Arbeit und Wirtschaft und dessen Auftrag vor - erhielten die Kantonsparlamentarier dann die Möglichkeit, ihre Anliegen anzubringen. Zur Sprache kamen dabei beispielsweise die Kirchenaustritte (Synodalratspräsident Flügel: «Die Austritte sind massiv zurückgegangen.») oder das Unbehagen einzelner Kreise angesichts der Zunahme von muslimischen Glaubensangehörigen (Synodalrat Samuel Lutz: «Weshalb sollten einem anderen Glauben angehörende Menschen eine Gefahr sein? Das Christentum muss sich in den eigenen Reihen auch mit Fanatismus auseinandersetzen.»). Gesprochen wurde auch über Vereinnahmungsversuche durch politische Parteien (Pfr. Flügel: «Wir lassen uns nicht vereinnahmen und sind auf alle Seiten hin gesprächsbereit.») und über die einzelnen zu wenig ausgewogene Haltung des «Sämann» (Synodalrat Rene Müller: «Der ,Sämann` wird von einem rechtlich selbständigen Verein getragen, der Synodalrat hat bloss minimale Einflussmöglichkeiten.»).