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Presseschau Worb/Rüfenacht und Umgebung

Diese Pressesschau ist unvollständig, unausgewogen und wird sporadisch ergänzt

Mix & Copyright: H.U. Steiner

Rüfenacht - Wohnheim alte Bernstrasse 55-57

BZ, 4. August 1999

THEMA: BEHINDERTEN-WOHNUNGEN

«Ich hoffte, möglichst lange selbständig Leben zu können»

Theres Dietrich zog vor zwei Jahren in eine als behindertengerecht gepriesene Wohnung. Beim Einzug merkte sie, dass man ihr zuviel versprochen hatte: Die Küche war für sie als Rollstuhlfahrerin nicht geeignet.

Michael Gerber

Theres Dietrich ist seit Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Vor gut drei Jahren entschloss sie sich, aus ihrer langjährigen Wohnung in Gümligen auszuziehen. Kurz zuvor hatte sie in der Zeitung ein Inserat gelesen, in dem die «Wohnheimgenossenschaft Rüfenacht 18 rollstuhlgängige und in allen Teilen behindertengerechte 2- und 3-Zimmer-Wohnungen» anbot. Das Wohnheim befand sich zu jener Zeit noch im Bau und sollte Ende März 1997 bezugsbereit sein. Anfang April konnte Theres Dietrich einziehen: «Ich hoffte, Dank dem Umzug ins Wohnheim Rüfenacht noch lange selbständig leben zu können.»

Doch als sie nach der Schlüsselübergabe ihr neues Zuhause zum ersten Mal sah; stockte ihr der Atem: «Als ich sah, wie hoch die Küchenkombination und die Schränke montiert sind, <hets mir fasch öppis gäh>», erzählt die Rollstuhlfahrerin heute. Die Rentnerin hatte die Wohnung mehrere Monate zuvor zwar besichtigt - allerdings lediglich im Rohbau.

Keine Spezialküchen

Gleich nach ihrem Einzug schrieb Theres Dietrich Genossenschaftspräsident Heinz Neuenschwander deshalb einen Brief: «In der Küche kann ich selbst die untersten Tablare nicht erreichen - was in meiner früheren, normal eingerichteten Wohnung problemlos möglich war.» Besonders mühsam war und ist für Theres Dietrich jedoch das Kochen und Abwaschen: Um in die Pfanne blicken zu können, muss sie ein - Holzbrett auf ihre Knie legen und die Pfanne schliesslich vom Herd ziehen. Dies stört sie umso mehr, als dass im Baubeschrieb von «Spezialküchen mit unterfahrbarem Spültisch und behindertengerechter Höhe und Einrichtung» die Rede gewesen war.

In ihrem Brief forderte sie die Verantwortlichen deshalb auf, die Küche entsprechend anzupassen. Dietrich: «Ich erhielt keine Antwort.» Deshalb liess sie den Küchenboden in Eigenregie erhöhen und ein Vorrats-Gestell einbauen. Diese 1580 Franken bezahlte sie vorerst aus dem eigenen Sack. Später erhielt sie von der Pro Senectute 1200 Franken.,

«Zu wenig abgeklärt»

Heinz Neuenschwander weiss heute nicht mehr, ob und was er Theres Dietrich damals geantwortet hat (siehe Interview unten). Inzwischen hat er aber eingesehen, dass die Wohnungen wohl nicht für alle Behinderten gleich geeignet sind. «Am Anfang haben wir die Eignung der Leute möglicherweise zu wenig gründlich abgeklärt.» Heute werde deshalb von allen ein Arztzeugnis verlangt.

Einen der Hauptvorwürfe wischt Neuenschwander jedoch ungehalten vom Tisch: «Wir haben den Leuten nicht zu viel versprochen. Ausserdem sind wir finanziell nicht in der Lage, ihnen alle Wünsche zu erfüllen.»

«Kein Pflegeheim»

Viele Bewohner hatten vor allem auf eines gehofft auf Betreuung. Und das nicht ohne Grund: «Administrative Betreuung und ein Pikettdienst sind rund um die Uhr vorhanden», hatte es im Zeitungsinserat geheissen. Jene, die daraus schlossen, in einem Heim mit professioneller Pflege und Betreuung einzuziehen, wurden bitter enttäuscht: «Wir sind kein Heim», bekamen sie zu hören - obwohl die Anlage bis vor wenigen Monaten offiziell «Wohnheim Rüfenacht» hiess. «Wir bieten lediglich Wohnungen für Betagte und Behinderte. »

BZ, 4. August 1999

THEMA: BEHINDERTEN-WOHNUNGEN

Mieterverband

«Rechtlich nicht zulässig»

Zusätzlich zum Mietzins bezahlen die Mieter der Behinderten- und Betagtenwohnungen monatlich einen «Infrastrukturkosten-Beitrag» von 100 bis 150 Franken. Dies sei nicht, zulässig, heisst es beim Mieterverband.

Die Behinderten- und Betagtensiedlung an der alten Bernstrasse 55 und 57 in Rüfenacht besteht insgesamt aus 16 Wohnungen. 14 davon gehören der Genossenschaft, der sämtliche Mieterinnen und Mieter angehören müssen. Die Wohnungen werden von Bund und Kanton auf Basis des Wohnbau- und -eigentumsförderungsgesetzes (WEG) subventioniert. Für die nicht subventionierten Bauteile - wie Cafeteria, Küche, Coiffeur-Salon und Therapie-Raum - müssen die Mietparteien einen «Infrastrukturkostenbeitrag» bezahlen: Zusätzlich zum ordentlichen Mietzins macht dies monatlich zwischen 100 und 150 Franken. Die entsprechende Verpflichtung unterzeichnen sie als Zusatz zum Mietvertrag.

«Verkappter Mietzins»

Für Thomas Müller, Geschäftsleiter des Mieterinnenund Mieterverbandes Bern und Umgebung, ist dieser Zusatz «ein rechtlich nicht zulässiges Kopplungsgeschäft». Unkorrekt ist laut Müller insbesondere, dass diese Beiträge in der Bilanz zwar als Erträge ausgewiesen werden, bei den Ausgaben jedoch nicht: «Die Beiträge fliessen in den allgemeinen Topf und sind damit verkappte Mietzinseinnahmen.» Für Müller steht damit fest, dass die Mieterinnen und Mieter diese Beiträge der Genossenschaft eigentlich nicht schulden. Seiner Ansicht nach könnten sie die bereits bezahlten Beträge zurückfordern.

ger

BZ, 4. August 1999

THEMA: BEHINDERTEN-WOHNUNGEN

«Wir haben sicher nicht zu viel versprochen»

Präsident Heinz Neuenschwander und Verwalter Ruedi Rothacher verwahren sich gegen die Vorwürfe: Der «Genossenschaft für Alters- und Behindertenwohnunen» fehle das Geld für Spezialwünsche.

Interview: Michael Gerber Christine Zwygart

BZ: Einige Bewohner der Behinderten- und Betagtenwohnungen kritisieren die Infrastruktur. Verstehen Sie das?

Heinz Neuenschwander: Gestern hörte ich von einem Gespräch mit jemandem, der seit vier Monaten hier wohnt. Diese Person war des Lobes voll. Wir bauten alters- und behindertengerechte Wohnungen. Aber die sind natürlich nicht für alle Behinderungen geeignet.

Theres Dietrich hat Ihnen wenige Tage nach ihrem Einzug mitgeteilt, dass die Küche für sie als Rollstuhlfahrerin unzweckmässig sei. Was haben Sie ihr geantwortet?

Neuenschwander: Das weiss ich nicht mehr.

Im Baubeschrieb versprachen Sie «Spezialküchen mit unterfahrbarem Spültisch und behindertengerechten Höhe und Einrichtung». Stattdessen wurden Normküchen eingebaut.

Ruedi Rothacher: Das stimmt nicht. Die Wohnungen sind nach den Richtlinien des Wohnbau- und Eigentumsförderungs-Gesetzes (WEG) gebaut worden. Unsere Küchen entsprechen dieser Norm: Das sind jedoch keine invaliden-, sondern behindertengerechte Wohnungen.

Trotzdem: Sie haben Frau Dietrich als Mieterin akzeptiert. Und sie trifft eine Küche an, die sie kaum benützen kann.

Rothacher: Im Haus wohnen zwei andere Rollstuhlfahrer, die keine Probleme haben. Das kommt auf die Behinderung an.

Um in die Pfanne zu blicken, muss Theres Dietrich ein Holzbrett auf ihre Knie legen und die Pfanne vom Herd nehmen.

Neuenschwander: Ich kenne jemanden in Bern, der sich eine rollstuhlgängige Küche einbauen liess. Das kostete zwischen 40'000 und 50'000 Franken. Das liegt bei uns finanziell nicht drin.

Rothacher: Bei Frau Dietrich hat man dann den Küchenboden angehoben.

Sie sagen «man hat...» Genau genommen nahm Frau Dietrich die Sache selber an die Hand - und musste auch die Kosten selber tragen.

Rothacher: Das weiss ich nicht mehr. Aber wir können nicht auf alle Bedürfnisse eingehen. In der Erstvermietung war es sicher schwieriger. Damals stand das Haus erst im Rohbau. Deshalb mussten wir auf Prospekte zurückgreifen.

Das Problem hat die Betriebskommission scheinbar bereits vor zweieinhalb Jahren erkannt. In einem Sitzungsprotokoll steht, dass zum Teil Schwerbehinderte einziehen, die auf Hilfe angewiesen sind.

Rothacher: Was heisst schon schwerstbehindert? Den meisten Leuten hier gehts tipptopp.

Haben Sie den Leuten am Anfang zu viel versprochen?

Neuenschwander: Wir sind der Meinung, dass wir sicher nicht zu viel versprochen haben. Vielleicht haben die Mieter etwas anderes verstanden.

Kritisiert wird von verschiedenen Bewohnern ausserdem, dass die versprochene «personelle Betreuung» fehlt.

Rothacher: Wir sind kein Pflegeheim.

Neuenschwander: Das Problem hatten diverse Leute. Deshalb haben wir den Namen «Wohnheim Rüfenacht» geändert.

Versuchen Sie sich so aus der Verantwortung zu stehlen?

Neuenschwander: Das ist eine grobe Unterstellung. Wir haben nie gesagt, dass wir Hilfe anbieten. Was das Heim jedoch zur Verfügung stellt, sind Hilfsmittel wie einen Telefon-Notruf.

Im Baubeschrieb steht aber. «Personelle Betreuung und zusätzliche technische Installationen garantierten den Bewohnern die gewünschte Sicherheit».

Neuenschwander: Wir hatten zu Beginn ein Hauswartehepaar, das im Notfall verfügbar war. In der Zwischenzeit sind wir davon abgekommen.

Verstehen Sie, dass einige Bewohner dies nun als EtikettenSchwindel empfinden?

Neuenschwander: Nein. 80 Prozent der Leute haben damit kein Problem.

Rothacher: Frau Dietrich kam einfach mit falschen Vorstellungen hierher.

Andere Frage: Die Bewohner bezahlen monatlich einen Infrastrukturkosten-Beitrag von 100 bis 150 Franken. Ihnen ist aber nicht klar, was mit dem Geld geschieht.

Neuenschwander: Das haben wir schon x-mal erklärt: Die Wohnungen werden vom WEG subventioniert, welches auch den Mietzins festlegt. Die Cafeteria, die Küche, der Coiffeur und der Therapie-Raum jedoch nicht. Die Verzinsung belastet uns mit rund 50'000 Franken pro Jahr. Einerseits kommt dieses Geld aus den Mieten, andererseits bezahlen die Bewohner ihren Beitrag. Trotzdem fehlen jährlich rund 20'000 Franken:

Gemäss Bundesamt für Wohnungswesen bleibt jedoch zu klären, ob es rechtlich zulässig ist, für die Infrastruktur extra Geld zu verlangen.

Rothacher: Es ist nicht in seiner Kompetenz, das zu entscheiden.

Neuenschwander: Im Zweifelsfall soll diese Frage ein Gericht beantworten. Es ist ja nicht so, dass wir einen Mietvertrag abschliessen und erst im Nachhinein diesen Beitrag verlangen.

Das stimmt. Die Leute haben die Verträge unterschrieben. Der Mieterverband bezeichnet diesen Zusatz zum Mietvertrag jedoch als unerlaubtes Kopplungsgeschäft. Offenbar bewegen Sie sich rechtlich auf dünnem Eis.

Neuenschwander: Wir werden sehen was rauskommt.

Ihnen droht eine Klage: Verschiedene Bewohner stehen mit Anwälten in Kontakt.

Neuenschwander: Wir bieten für dieses Geld auch etwas. Zudem machen wir ja kein Geschäft auf dem Buckel der Mieter.

Um Ihre Aufgabe sind Sie nicht zu beneiden. Wie lange machen Sie das Ganze noch mit?

Neuenschwander: Ich werde mich weiterhin darum bemühen, dass hier ein einigermassen vernünftiger Betrieb herrscht.